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Die beiden Retro-Bikes Triumph Bonneville und Kawasaki W800 richten sich an eine ähnliche Zielgruppe. Welche kaufen? Hier ist ein Vergleich für den Unschlüssigen.

Vorbemerkung

Dieser Vergleich basiert auf Fahrten mit beiden Motorrädern und ist rein subjektiv. Ich bin auf der Kawasaki vier Tage gefahren, auf der Bonneville nur einen; zudem hatte ich neben der W800 auch kurzzeitig eine W650 zur Verfügung. Seit Erscheinen dieses Beitrags haben uns zahlreiche Zuschriften erreicht, die auf Ungenauigkeiten in der ersten Version aufmerksam gemacht haben. Ich bedanke mich für diese Hinweise und baue sie hier gern ein. Das Fazit dieses Vergleichs wird dadurch allerdings nicht berührt.

Aussehen

Auf Fotos sehen die beiden Motorräder ziemlich ähnlich aus, aber der Schein trügt: In natura sind die Unterschiede gewaltig. Die Kawasaki W800 wirkt sehr zierlich und erscheint auf den ersten Blick eher wie ein Moped. Das zeigt sich noch mehr, wenn man aufsteigt: Die Kawasaki ist klein und handlich, sie lässt sich problemlos auch von sehr zierlichen Fahrerinnen herumschieben, und auch das Abkippen zur Seite ist kein Problem, weil der Schwerpunkt so niedrig liegt, dass man sie auch bei gröberen Manövrierfehlern spielend wieder auffangen kann.

Die Triumph Bonneville ist demgegenüber sehr viel bulliger und viel mehr ein echtes Motorrad. Natürlich muss man den riesigen Tank mögen, besonders wenn man weiß, dass er der Optik zum Trotz nur 16 Liter fasst. Und ebenso natürlich muss man beim Rangieren viel mehr Kraft aufwenden, damit die ganze Fuhre nicht umkippt. Nach den technischen Daten erscheint die Größe der beiden Motorräder fast gleich, aber schon eine flüchtige Sitzprobe verrät, dass in Wahrheit Welten dazwischen liegen.

Bewunderungsfaktor

Wer Motorräder im Retro-Stil mag, wird aber sicherlich an beiden Gefallen finden. Seltsamerweise ist die Kawasaki W800 technisch sogar noch authentischer als die Bonneville. Der Motor ist langhubiger und die Königswelle zum Nockenwellenantrieb ist keine Attrappe, sondern echt. Den Kickstarter hat Kawasaki leider gegenüber dem Vorgänger gestrichen.

Die Materialien sind durchgehend sehr hochwertig und bis ins Detail sehr liebevoll gemacht. Wo immer man sie parkt sind bewundernde Blicke vorbeiziehender Passanten sicher, und sie stiehlt problemlos einer Harley die Show – weil besagte Passanten sie für eine toll gemachte Restaurierung halten. Leider ist damit die Peinlichkeit so gut wie vorprogrammiert. Denn Kawasaki hat seinen Schriftzug fast überall verbannt, aber ganz hinten auf der Sitzbank steht er noch, und ist er erst einmal entedeckt, folgt die große Enttäuschung. Noch schlimmer wird es bei sich anbahnenden Gesprächen, in denen man das dunkle Geheimnis seines Oldtimers preisgeben muss. Gar nicht schön.

Das Problem liegt darin, dass nur ein echter Erbe ein Erbe verwalten kann. Kauft ein Investmentbanker einen Landsitz, dann macht ihn das nicht zum Adel. Und so kann Kawasaki ein technisch noch so gutes „Heritage“-Bike bauen, es wird nie ein legitimer Erbe werden. Ungerecht wie die Welt ist, sieht das anders aus, wenn jemand die Namensrechte der alterwürdigen Marke Triumph kauft und in England neue Motorräder entwickelt. Dann darf er dick den adeligen Namen auf den Tank schreiben und wird als Adel angesehen. So gesehen erspart einem die Triumph Bonneville sehr viele peinliche Gespräche, denn sie wird zwar in der Einkaufsstraße weniger bewundert, dafür bleibt die Hochachtung bestehen, weil es eine echte Triumph ist – die dunkle Vergangenheit mit dem gekauften Namen braucht man hier genauswenig breit zu treten wie bei einer Breitling-Uhr, deren heutiger Namensrechtinhaber auch denkbar wenig mit dem berühmten Vorfahren zu tun hat.

Ein erboster Kawa-Fan schreibt uns, dass es 1966 schon eine Kawasaki W 1 gegeben habe und die W800 daher ebenfalls auf langes Erbe zurückblicken könne. Das stimmt, aber seien wir ehrlich: Die W1 war der Nachbau eines englischen Motorrads und hatte damals nicht den Ruf einer Legende, sondern eines Imitats (zumindest außerhalb Japans). Das ist keine Aussage darüber, wie gut oder schlecht sie war - aber als adeliger Ahne taugt sie einfach nicht.

Noch ein Wort zu den Ausführungen: Damit die Bonneville einigermaßen authentisch aussieht, muss man die Bonneville T100 nehmen. Sie hat Speichenräder, Kniepads am Tank, zweifarbige Lackierung, Drehzahlmesser und viel Chrom serienmäßig. Die Ausführungen mit Verbrundrädern (derzeit mit dem Namenszusatz Bonneville SE) sehen ein klein wenig peinlich aus. Und machen wir uns nichts vor: Bei Motorrädern diesen Stils kommt es – ähnlich wie bei einer Harley-Davidson – mindestens ebenso viel aufs Auge und die Benzingespräche an wie auf das Fahren.


Eigenschaften

Kommen wir trotzdem zu der Nebensächlichkeit des Fahrens. Die erste gute Nachricht ist, dass beide mit Einspritzanlage ausgerüstet sind und daher auch nach längeren Standzeiten prima anspringen. Beiden Modellen ist hier allerdings ihr größtes Manko anzulasten, das Fehlen des Kickstarters. Denn es gibt einfach nichts Cooleres, als einen Motor mit kräftigem Kick zum Leben zu erwecken. Mag sein, dass man das in Anwesenheit eines Elektrostartes nur selten macht, aber die wenigen Fälle lohnen sich. Uns diesen Genuss zu nehmen, ist ein grotesker Fehler der Marketingabteilungen.

In einer früheren Version dieses Vergleichs habe ich geschrieben, die Kawa habe einen Kickstarter. Das stimmt leider nicht, sondern nur ihr Vorgänger, die W650, hatte einen. Schade drum. Denn das wäre für mich ein ganz entscheidender Vorteil gegenüber der Bonneville gewesen. Nicht, weil man ihn oft braucht, sondern weil ich einfach einen haben will.

Beide Motorräder sind nicht fürs Rasen gebaut, aber Power haben sie trotzdem ganz schön. Sie sind völlig problemlos zu fahren, kennen kein Ruckeln bei niedrigen Drehzahlen, drehen sanft und eignen sich bestens, um bei Sonnenschein über geschwungene Straßen zu cruisen. Die Hauptbegrenzung für zu viel Übermut sind die Fußrasten, die mangels Bodenfreiheit ziemlich früh aufsetzen, aber zum Glück sind sie bei beiden Krädern klappbar, sodass man nicht in den gegenüberliegenden Straßengraben gehebelt wird, sondern trotz gelassener Fahrweise mit abgeschliffenen Sohlen prahlen kann. Die aufrechte Sitzposition ist für jeden ein Genuss, der Motorräder noch von früher kennt, als man noch auf seinem Motorrad saß und nicht darin.

Der Klang ist grundsätzlich bei beiden in Ordnung, sofern das bei vorschriftsmäßiger Lautstärke überhaupt möglich ist. Wobei die Triumph ein tieferes Grummeln von sich gibt und damit etwas besser klingt. Zumindest, wenn man dahinter steht, denn auf ihr sitzend drängt sich das pfeifende Getriebegeräusch in den Vordergrund und erinnert etwas zu sehr an eine Nähmaschine. Leider lässt die StVZO nicht mehr Sound zu, weil Motorräder komischerweise leiser sein müssen als Nachbars Rasenmäher und Laubbläser. Ändern ließe sich das nur mit nicht zugelassenen Umbauteilen, die man für die Bonneville noch etwas leichter bekommt als für die Kawasaki W800 (was übrigens nicht heißt, dass es für die Kawa schwierig wäre, Umbauteile zu bekommen).

Auf der Straße

Nach einer Stunde auf der Landstraße wird dann klar, wer dort den Ton angibt: die Triumph Bonneville liefert einfach mehr Fahrvergnügen als die W800. Schwer zu sagen, woran das liegt, aber wahrscheinlich ist es die Folge davon, dass sie spürbar mehr Kraft hat und einfach mehr Motorrad ist, weniger Moped. Man braucht etwas länger, um sich an sie zu gewöhnen, aber dann gleitet man über den Asphalt, als wäre man direkt einem Werbevideo entsprungen. Die Kawa kann das zwar auch ganz gut, aber bei Bodenwellen wirkt sie eher überfordert und schon bald bekommt man das Gefühl, dass sie ein klein wenig zu lieblich ist.

Wobei das zugegebenermaßen Geschmacksache ist und man daher auf jeden Fall beide ausprobieren sollte, bevor man eine kauft. Denn wie schon erwähnt: Die Unterschiede sind viel größer als man nach den Daten und Fotos vermutet. Ein Leser weist zu Recht auf den langen Hub der Kawa hin, der aus seiner Sicht zu mehr Fahrvergnügen führt. Das unterschreibe ich durchaus als einen deutlichen Pluspunkt für die Kawa.

Fazit

Fassen wir zusammen – was spricht für die beiden Modelle:


Triumph Bonneville:

Rechtmäßigeres Erbe

Mehr Motorrad

Mehr Power


Kawasaki W800:

Authentischere Technik und Optik

Beim Rangieren leichter zu handhaben

Motorcharakteristik für Langhubliebhaber



Als Daumenregel gilt: Starke Männer kaufen besser die Bonneville; zarte Mädchen lieber die Kawasaki.



PS: Sorry Martin, dabei bleibe ich, auch wenn du mit 1,90 m Körpergröße die Kawa bevorzugst;-)

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